Portait Komo Eskapo

Über den Autor

Komo Eskapo

„Komo Eskapo? So heißt kein Mensch!“
„Komo Eskapo ist ein Pseudonym.“
„Ein Pseudonym? Können Pseudonyme Bücher schreiben?“
„Das siehst du doch!“
„Wer sich eines Pseudonyms bedient, der hat etwas zu verbergen.“
„Ist das so?“
„Seit wann gibt es diesen Komo Eskapo?“
Ein Datum, an dem es anfing? Schwer zu sagen, wann das Pseudonym sich einschlich. Es kam wie eine gute Antwort, die nach dem Ereignis auftaucht, wenn alles schon vorbei ist. Die Antwort bleibt, weil sie cool ist und Genugtuung verschafft. So soll sie auch das nächste Mal die Antwort sein, perfekt, glanzvoll, unangreifbar. Die Antwort weiß, dass sie sich unerlaubterweise breitmacht. Doch sie ist so gut, so geschliffen, so geschmeidig. Sie beugt die ‚andere‘, die wahre, die echte, bis diese unter den Tisch fällt.
Das Pseudonym ist die andere Antwort, das Schokomus auf dem Brot, wo eigentlich Käse sein sollte. Das Pseudonym lässt die Schatten springen, vor denen der Realname Angst hat. Das Pseudonym schützt den Realnamen wie einen Burggraben, unüberwindbar für die nahenden Feinde.
Dann entsteht diese Wand. Jeden Tag, jeden Tag ein Stück mehr, als ob Mainzelmännchen sie bauen, nachts, im Verborgenen. Auf der einen Seite strahlt das reale Tagesleben. Auf der anderen leben die Gestalten, tief sitzende Narben kennzeichnen sie, die Vertreter der anderen Antwort. Ihre Augen glänzen, sie sind voller Ideen, wenn man ihnen zuhört, sie wollen die Welt retten. Manchmal kommen sie auf die andere Seite mit Sonnenbrille im Blitzlichtgewitter. Spätestens nach der ersten Excel-Datei gehen sie zurück zu den Versagern, die immer noch Filterkaffee trinken und selbstgemachten Kuchen essen. Sie haben Angst vor der Sonne und den ‚grauen Herren‘, die Momo die Zeit stehlen.
Langsam geht der Name unter, versinkt wie eine mit Vergangenheit überladene Schute. Die Vergangenheit löst sich in den vollgeweinten Taschentüchern und dem zu Tränen gerührten Lachen auf. Nur das Pseudonym weiß, wer sich hinter der Tapetentür verbirgt. Nachts lässt es ihn sprechen, den Namen, sich in Anführungszeichen verstecken, in holprigen Relativsätzen, die hinterhergeschleppt werden. Das Pseudonym lässt die Sonne auf- und wieder untergehen, wie es ihr gefällt. Es ist wie die Sternschnuppe, die an der Erde vorbeizieht und eine Nachricht fallen lässt.
Das Pseudonym ist um die Welt gereist, hat fremde Menschen getroffen und an weißen Stränden in der Sonne gelegen. Der Name ist gereist, weil er flüchten musste. Das Pseudonym liebt das Leben, fühlt sich beschenkt, der Name setzt sich mit Konflikten und Problemen auseinander, die dem Glück im Wege stehen. Wenn dem Pseudonym etwas im Weg liegt, sind das echte Hindernisse, Hindernisse mit Format, die laut schreien und gefährlich sind und keine schicksalhaften Begebenheiten, die wie klebriger Schleim an den Schuhsohlen haften, und bei jedem Heben ein Nebelhorn auslösen.
„Ich habe ein Pseudonym gewählt“, sagt der Name. Das Pseudonym sieht ihn an. „Wozu hast du ein Pseudonym gewählt? Kannst du überhaupt ein Pseudonym wählen? Ist es nicht eher so, dass ich zu dir gekommen bin? Du hast mich gesucht. Bist immer wieder zu der Mauer gekommen, nachts. Doch du wusstest nicht, was du suchtest. Darum bin ich zu dir gegangen. An der Straßenecke habe ich das Plakat mit Albert Camus aufgehängt, vor dem die schwarzhaarige Frau mit ängstlichen Augen flieht. Da hat es ‚Klick‘ gemacht und der Vorhang ging auf. Da brachtest du dein Pseudonym zur Welt, ab da habe ich dich begleitet, auf Schritt und Tritt.“
Eines Tages treffen sich das Pseudonym und der Realname auf der Straße. „Weißt du was?“, sagt das Pseudonym. „Ich habe mich umbenannt. Ab sofort bin ich dein Nacht-ich und du das Tag-Ich.“
Das Tag-Ich will erst protestieren. Doch dann sieht es das Nacht-ich an, das eine Sonnenbrille trägt. Es spürt, wie es ihn für seine Souveränität bewundert, sich draußen in der Tagwelt zu bewegen und genug Anerkennung zu bekommen, den Haushalt und die Psyche zu füttern. Sollten sie doch hinter der Mauer von einer besseren Welt träumen, so lange sie ihn damit in Frieden ließen.
Das Tag-Ich erzählt seiner Frau von seinem nächtlichen Pendant. Die Frau überlegt, sie kennt ihren Mann:
„Wozu brauchst du ein Pseudonym ?“
„Das habe ich mich am Anfang auch gefragt,“ antwortet er „und erst auf die eine und dann auf die andere Seite gesehen.“
„Was für eine andere Seite?“, unterbricht ihn seine Frau ärgerlich. Das Tages-Ich klärt sie über die Mauer auf.
„Am Anfang war mir das nicht recht, eine zweite Identität zu haben, ich hatte das Gefühl, mich zu verleugnen. Bis ich feststellte, dass das Pseudonym und ich kein Gegensatz, sondern Freunde sind. Wir ergänzen uns. Steht der eine vor verschlossener Tür, lernt der andere ein weißes Kaninchen kennen, das der Chefin auf den Arm springt, die gerade ihren Teleportierer hervorholt. Und schon sind wir drin. Ich liebe die beiden und möchte nicht ohne sie sein.“
„Wo seid ihr drin?“
Das Tages-Ich sieht seine Frau erstaunt an, dass sie nicht versteht, was damit gemeint ist. Er holt gerade aus, um ihr den Sachverhalt zu erklären, als ihm brühwarm aufgeht, dass er es selber nicht weiß. Stotternd antwortet er:
„Ich werde das Pseudonym fragen, ob es darauf eine Antwort hat.“
Insgeheim scheut er sich vor der Auseinandersetzung mit dem Pseudonym, dass ihn wahrscheinlich auf einen dieser literarischen Ausflüge mitnimmt, der ihn morgens unausgeschlafen im Bett aufwachen lässt.
„Du hast es immer noch nicht kapiert, oder?“, überfällt ihn das Pseudonym. „Du schreibst, ich schreibe! Du bist so unglaublich der Form verhaftet, dass du nicht an einem Spiegel vorbeigehen kannst, ohne ‚hinein‘ zu sehen und einen erfolgreichen Autor darin zu erkennen.
Keiner hat dir gesagt, dass du schreiben musst und schon gar nicht, dass du erfolgreich sein und groß rauskommen musst. Aber wenn du vor einem weißen Blatt Papier sitzt und dir die Finger jucken, dann solltest du es machen! Wenn du einen Satz schreibst und sich auf einmal die ganze Geschichte vor dir ausrollt, dann solltest du dich von nichts und niemanden daran hindern lassen, das Schwein über den Marktplatz zu treiben. Verstehst du? Es kann dir vollkommen egal sein, wie die Geschichte ausgeht, und es kann dir noch egaler sein, ob sie erfolgreich ist! Es ist deine Geschichte! Das ist das Einzige, was zählt. Du schreibst nicht für andere, sondern für dich!
Nacharbeiten, deine Geschichte für andere lesbar machen, kannst du hinterher, wenn du fertig bist. Du kannst es auch vorher planen oder zwischendrin, wenn du das Gefühl hast, dass es unübersichtlich wird. Das bleibt ganz dir überlassen.“
Seine Frau nickt, als er ihr beim Frühstück berichtet, was das Pseudonym gesagt hat. „Und wer schreibt jetzt die Geschichten? Du oder das Pseudonym?“
„Du meinst, wer es in die Tastatur hackt? Wenn du dich schon so interessiert danach erkundigst...“
„Das kannst du vergessen! Du glaubst nicht im Ernst, dass ich mit ausgefahrenen Antennen neben dir sitze, mir ungehobelte Sätze anhöre und die in den Computer eingebe?
Ich nehme gern ein spannendes Buch mit in den Urlaub und lese es am Strand. Noch besser, wenn es von dir ist. Wenn es noch besser ist, lade ich dich auch zu einem Drink ein. Das war’s aber auch.“